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Buch - Die Reise einer Krankheit

buch-die-reise-einer-krankheit2Buch "Die Reise einer Krankheit"

Autor: Mohinder Singh Jus
Verlag: Homöosana-Verlag
Preis: 33,00 € inkl. MwSt.
(für 36,00 € auch als Hörbuch erhätlich)
ISBN 978-3-906407-03-6

 

Artikel aus Homöopathie-aktuell

Verwirrte Seelen junger Menschen

von Dr. med. Ernst Trebin

Die Arbeit mit der Homöopathie ist dann besonders spannend und auch faszinierend, wenn es darum geht, eine ungesunde psychische Verfassung, eine Störung im Verhalten eines Menschen, zurecht zu rücken. Das ist nicht unbedingt einfach, denn oftmals handelt es sich um eine einseitige Krankheit, d. h. um eine gewisse einförmige Störung ohne die individuellen Merkmale, die für unsere homöopathische Arbeit entscheidend sind zur Auswahl unserer Medikamente. Wie immer ist unsere Tätigkeit mit der Kriminalistik zu vergleichen, wir müssen einzelne Indizien sammeln, um daraus das Profil der zu wählenden Arznei heraus zu arbeiten. Selbst wenn diese Suche erfolgreich ist, kann die Behandlung zäh verlaufen, zum Teil weil ein schon lange bestehendes Krankheitsbild vorliegt, das eingeschliffen und tief verankert ist, zum Teil weil die Lebensumstände, innerhalb derer sich die Krankheit manifestiert hat, belastend und schwierig sind.
Unter anderem gilt dies für das Krankheitsbild ADHS, das ist das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom.

Häufig wurden wir in die Behandlung von Kindern einbezogen, die einerseits schlechte Schulleistungen aufweisen, andererseits leicht ablenkbar sind oder den Unterricht vehement stören. Gering war aber meine Ausbeute an wirklich überzeugenden Erfolgen. Wollte man Begründungen dafür suchen, so könnte man anführen, dass zum Teil die Erwartungen der Eltern zu hoch waren; dass mit prompten Änderungen gerechnet wurde und vor allem dass es häufig darum ging, phlegmatische und faule Knaben auf Vordermann zu bringen. Damit ist die Homöopathie vermutlich überfordert. Dazu kommen noch andere externe Einflüsse wie z. B. die häufig erwähnte Reizüberflutung, auch der Leistungsdruck der Schulen, die sich von Bildungsinstituten zu Lernfabriken mutiert haben. Nicht selten war auch die innerfamiliäre Dynamik schon dermaßen verfahren, hatten die Eltern sich schon über längere Zeit in die Rolle des Antreibers eingenistet oder nahm das Kind eine Sündenbockfunktion ein in einer unharmonischen Familie, kurzum, nicht wenige Situationen bedurften mehr als der Gabe von Globuli, nämlich eine fundamentale Umstrukturierung der Familie und des Umfeldes.
Wenn dagegen der Karren noch nicht zu tief verfahren war, wenn das Fehlverhalten des Kindes noch relativ frisch war, das Umfeld stabil und vor allem wenn brauchbare Indizien eine klare Arzneimittelwahl ermöglichten, so war es doch erstaunlich, wie schnell die passende Arznei eine klare Korrektur hervorrief, wiederholt und von nachhaltigem Erfolg.
Anhand des Behandlungsverlaufes zweier Knaben möchte ich schildern, welche Entwicklungen möglich sind. Zunächst die Geschichte von Niklas, einem zehnjährigen Jungen, der die fünfte Klasse eines Gymnasiums besucht. Er fiel durch Konzentrationsstörungen und Leistungsabfall in der Schule auf. Die Anamnese fand ohne ihn statt, da er es nicht erträgt, wenn über ihn geredet wird. Nicht nur seine Leistungsschwäche kam zur Sprache, sondern auch seine psychischen Auffälligkeiten. Die Mutter beschrieb ihn als rasch aufbrausend bei kleinen Störungen, als Choleriker, der rasch resigniert, ja sogar Lebensüberdruss äußert, wenn er in Konflikte gerät. Dass er in letzter Zeit viel fluchte und eine auffallende Fäkalsprache gebrauchte, mochte noch dem Einfluss von Freunden zuzuschreiben sein, vielleicht aber auch der Tatsache, dass er aufgrund seines geringen Selbstvertrauens und des Bedürfnisses nach Angenommenwerden gern sich in den Mittelpunkt stellte und den Helden spielen wollte. Schon immer hatte er Ein- und Durchschlafstörungen, verweigerte auswärtiges Übernachten, weil ihn dann größere Ängste überkamen. Er mochte schon immer nicht alleine einschlafen, hatte stets gern ein kleines Licht nachts an und kam auch oft in das Bett der Eltern. Zeitweise plagten ihn schlimme Träume, fühlte er sich auch nachts bedroht und erschrak im Halbdunkeln über die Möbel seines Zimmers, da er befürchtete, es könnten Personen sein.
In Gesellschaft fühlt er sich wohl, er kann große Runden unterhalten und begeistert gerne seine Familie mit kleinen bühnenreifen Aufführungen. An körperlichen, verwertbaren Symptomen bietet er eine Warze, Kopfschmerzen bei Sonne, Wachstumsschmerzen der Beine, gelegentlich Nasenbluten, starken Kopfschweiß nachts und Risse der Finger in der Nähe der Nägel.
Das waren im wesentlichen seine Charakteristika. Er wurde in den vergangenen Jahren häufig mit der homöopathischen Arznei Phosphor behandelt, zu Deutsch der Lichtträger, eine Arznei für Menschen die eine spürbar starke Ausstrahlung haben (und hierzu bemerkte die Mutter, dass er schon immer eine Faszination für Feuer gehabt habe). Phosphor bzw. seine Säure Acidum phosphoricum passen gut für Menschen, die rasch von geistiger Arbeit erschöpft sind, passen auch gut auf seine Ängste einerseits und andererseits seine Zornausbrüche; passen ebenso auf seine Flüche, eine Wesensart die man gern Tuberculinum zuschreibt, der Nosode, die den Hintergrund zu Phosphor darstellt. Andererseits wies er auch Zeichen von Natrium muriaticum auf, unter anderem seine Vorbehalte dagegen, dass man über ihn Gespräche führe, aber auch die Empfindlichkeit gegen Sonne und die Neigung zu Kopfschmerzen hierdurch.
Die Auswertung (Repertorisation) seiner Symptome zeigt dementsprechend ein häufiges Vorkommen von Phosphor ebenso wie von Natrium muriaticum. Nachdem ich gerne, und in meiner Arbeit der letzten Jahre nahezu ausschließlich, kombinierte Arzneien einsetze, wählte ich Natrium phosphoricum, zu dessen Keynotes es gehört: Bildet sich beim Erwachen nachts ein, Möbelstücke seien Personen. Die Arznei selbst tritt bei der Auswertung der Symptome von Niklas kaum in Erscheinung, würde also bei einer Computer-gesteuerten Repertorisation leicht übersehen werden. Allein durch die Kombination der beiden Grundelemente unseres Patienten, nämlich Phosphor und Natrium muriaticum, und unter Berücksichtigung der besagten, für dieses Mittel spezifischen psychischen Eigenart, konnte diese Arznei ausgewählt werden.
Vor einem halben Jahr bekam Niklas erstmals Natrium phosphoricum C200 und fünf Wochen später wurde berichtet, dass er eine prompte Harmonisierung binnen zwei bis drei Tagen erfahren habe. Seine Arbeit sei strukturierter, er wirke glücklich und friedlich. Nicht nur die Eltern sondern auch die Lehrer empfanden ihn wie umgewandelt. Allerdings ließ die Wirkung nach fünf bis sechs Wochen wieder nach und er gewöhnte sich wieder seine schlechten Ausdrücke an. So bekam er zwischendurch eine Dosis Tuberculinum C200, bevor die Arbeit wieder mit Natrium phosphoricum fortgesetzt wurde. Das Fluchen ließ wieder nach, die Warzen waren noch vorhanden (manchmal verschwinden diese prompt, manchmal weichen sie erst nach längerer Behandlungsdauer, nämlich erst dann, wenn wichtigere Elemente am Patienten sich stabilisiert haben). Als sich Mitte Februar 2011, als eigentlich die letzte Gabe Natrium phosphoricum noch wirken hätte sollen, wieder etwas Konzentrationsprobleme und Zerstreutheit einstellten, erhielt er die andere Nosode, diejenige, die zu allen Natrium-Salzen passt und welche die genetische Basis für den sykotischen Anteil unseres Patienten bedient (welcher sich u.a. in Warzenbildung manifestiert), nämlich Medorrhinum C200. Einige Tage später hieß es, seine geistige Leistungsfähigkeit habe sich binnen Stunden gebessert.
Kürzer ist die Geschichte des heute sechsjährigen Marian, über den im Oktober 2010 seine Mutter klagte, dass er zwar intelligent sei, aber auch sehr viel Nerven koste. In der Schule sei er gelangweilt und zu Hause verhalte er sich sehr konfrontativ. Bei ihm war ich schon zwei Jahre zuvor anlässlich einer Konjunktivitis und Bronchitis auf Mercurius sulfuricus gestoßen. Die wenigen verwertbaren Symptome verwiesen damals auf Mercurius solubilis einerseits, andererseits auch auf Pulsatilla und Sulfur. Pulsatilla hatte er damals schon erhalten, unter anderem wegen seiner auffallend weinerlichen Art.
In chronischen Fällen gebe ich statt Pulsatilla gerne ein Schwefelsalz und setzte diese Erkenntnis umfassender ein als J. T. Kent, der im Falle chronischer Erkrankungen statt Pulsatilla lediglich auf Kalium sulfuricum verwies. Mercurius sulfuricus half Marian prompt aus seiner Bronchitis und Konjunktivitis heraus. Nun also stand seine Hyperaktivität zur Behandlung an und er bekam erneut diese Arznei, die sich bei ihm schon bewährt hatte. Fünf Wochen später wurde mitgeteilt, sie habe ihn überzeugend harmonisiert, doch er bedürfe nun wieder des Nachschubs. Zweimal wurde daraufhin wieder Mercurius sulfuricus gegeben, zuletzt in C50.000 Korsakow. Die letzte Gabe aber blieb ein bisschen die überzeugende Wirkung der voraus gegangenen Behandlungen schuldig, deshalb wurde ihm die Nosode des syphilitischen Miasmas, zu dem Mercurius gehört, gegeben, nämlich Syphilinum. Dies war unter anderem auch dadurch begründet, dass in seiner Familie sehr viele syphilitische Krankheitsbilder vorliegen bzw. Arzneimittel dieses Miasmas erfolgreich eingesetzt wurden. Seitdem ist er wieder in der Spur.
Dramatischer waren die seelischen Veränderungen in folgendem Fall:
Janina, 17 Jahre alt, bisher psychisch nicht auffällig, geriet Ende 2007 in eine Depression, ohne erkennbare äußere Auslöser. Anfangs musste sie viel weinen und fiel durch eine hohe Stimmungslabilität auf, Mitte 2008 unterzog sie sich sogar einer Behandlung in der Nervenklinik. Immer mehr kamen Suizidgedanken auf, wobei sie ihren eigenen Zustand kaum wirklich beschreiben konnte. Sie beklagte extreme Stimmungsausschläge und berichtete von grauenvollen Empfindungen, die sie nicht weiter ausführen mochte. Und schließlich kam es soweit, dass sie sich selbst schwere Verletzungen zufügte: Mit einer Rasierklinge fügte sie sich brutal tiefe Schnitte quer in die Oberschenkel zu. Das war nicht nur entsetzlich anzusehen, sondern löste auch Erschütterung aus, wie ein junger Mensch dermaßen radikal gegen sich vorgehen konnte. Welche Not steckt denn hinter so einem Verhalten?
Unter der Rubrik Quält sich selbst im Synthetischen Repertorium fällt Arsen als konstitutionelle Arznei auf. Ich gab ihr jedoch Natrium arsenicosum, wählte die Natrium-Komponente wegen anderer somatischer Elemente. Prompt hörte sie auf mit diesen Selbstverletzungen und kam in eine stabile Seelenlage. Natrium arsenicosum C200 wurde nach einigen Wochen noch einmal wiederholt und das Mädchen blieb zunächst in einer guten Verfassung. Allerdings machte sie sich schwere Gedanken wegen ihrer weiteren Schulausbildung, sie fühlte sich den Herausforderungen nicht gewachsen. Nach einigen Monaten rutschte sie wieder in eine weinerlich-depressive Phase ab, allerdings ohne das Ritzen wieder aufzugreifen. Ich versuchte noch ergänzende Arzneien und andere Arsenverbindungen, konnte aber dann mit Aurum arsenicosum wieder eine gute Entwicklung einleiten: Sie stabilisierte sich erfreulich.
Ob dies schon das letzte Wort war, sei dahingestellt, schließlich manifestierte sich in der Entwicklung von Janina eine hohe selbstzerstörerische Tendenz, die sicher tief verankert ist und längere Zeit der homöopathischen Betreuung bedarf. Was aber doch Erstaunen auslöste, war das prompte und anhaltende Ende der Selbstverletzungen binnen kürzester Frist nach Gabe einer homöopathischen Arznei.
Wenngleich die homöopathische Arbeit viel Kraft kostet, weil sie eine permanente hohe Herausforderung darstellt, wenngleich sie nicht selten Behandler und Patienten frustriert durch die langwierige, manchmal auch vergebliche Suche nach der richtigen Arznei und durch die üblicherweise lange Behandlungsdauer, die es braucht bis zu einer belastbaren Stabilisierung, so motivieren solche guten (und auch nachhaltigen) Ergebnisse dazu, weiterhin diese Tätigkeit mit allem Engagement auszuüben. Man bedenke, wie problematisch die Alternativen wären: Psychopharmaka mit vielen Nebenwirkungen oder langwierige und oft vergebliche Psychotherapie.
Vor allem aber habe ich viel Freude an diesen kombinierten Arzneien, wie ich sie hier und in manchen anderen Arbeiten schon vorgestellt habe.



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