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Buch - Die homöopathische Behandlung der Neurodermits bei Kindern und Jugendlichen

Buch "Die homöopathische Behandlung der Neurodermitis bei Kindern und Jugendlichen"

Autoren:  Dr. med. Roland Eichler und Dr. med. Horst Frank
Verlag: Haug-Verlag
100 Falldokumentationen aus der Praxis, 364 Seiten, 138 Abb. geb.
Preis: 39,95 € inkl. MwSt.
ISBN 3-8304-7127-0

Artikel aus Homöopathie-aktuell

Die überragende Bedeutung von Natrium muriaticum

von Dr. med. Ralf Werner

Stichwortartig die Charakterisierung einiger weniger Konstitutionsmittel, wie sie in der homöopathischen Literatur beschrieben werden:

Acidum nitricum-Menschen
gelten als: Angstneurotiker, Nihilisten, Typen, die zu Prostituierten gehen.
Arsenicum album-Menschen
seien Menschen voller innerer Unsicherheit, mit zwanghaftem Ordnungssinn, ruhelos und geizig.
Dulcamara-Menschen
seien dominierend und besitzergreifend.
Kalium bichromicum-Menschen
gelten als verschlossen, zurückhaltend und überaus korrekt,
Kalium carbonicum-Menschen
als dogmatisch, unbeugsam und starr,
Medorrhinum-Menschen
im Extremzustand als aggressiv, gewalttätig.

Wieso fanden sich keine Patienten mit derartigen Konstitutionsmitteln in meiner Praxis? – Möglicherweise hat meine Art des Patientenumgangs ein Bestimmtes Klientel angesprochen, so dass eine Selektion stattgefunden hat. Aber auch auf Patienten mit den Konstitutionsmitteln Pulsatilla, Silicea, Sulfur und Phosphor hatte ich geradezu sehnsüchtig gewartet.

Immer wieder dominierten die Arzneimittel Staphisagria, Ignatia und Natrium muriaticum. Natürlich wurden auch eine Vielzahl anderer Mittel eingesetzt, bei Patienten mit Ängsten – Phosphorus, Arsenicum album u. a., bei Trägheit des Organismus Carbo vegetabilis, bei ehrgeizigen, arbeitswütigen Manager-Typen – Nux vomica, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Keiner der Patienten konnte jedoch auf ein derartiges Arzneimittel als sein Konstitutionsmittel für immer unverrückbar festgelegt werden. Diese Arzneien waren stets nur für eine gewisse Zeit nötig und wirksam, so dass wir andernorts geäußerte Meinungen, dass es viele konstitutionelle Grundtypen gebe, nicht bestätigen können.
Über viele Jahre beschäftigte mich eine Ahnung, die sich mir durch meine tägliche Arbeit aufgedrängt hatte, die mich andererseits irritierte. Ich schreckte vor einer heranreifenden Erkenntnis zurück, zweifelte an meiner Wahrnehmung. Das ist doch unglaublich! Das kann doch nicht wahr sein! Viele Jahre brütete ich darüber nach, wie meine Erfahrungen zu interpretieren seien.
Eines Tages gab es für mich keinen Zweifel mehr. In einem Gespräch mit einem Verleger homöopathischer Bücher wagte ich es erstmalig auszusprechen: Natrium muriaticum ist die zentrale Grundarznei eines jeden Menschen. Natrium muriaticum ist das eigentliche Konstitutionsmittel eines jeden Menschen. Ich hatte eine ablehnende Reaktion des Verlegers erwartet. Es kam anders. „Endlich!", sagte der Verleger. „Endlich wagt es jemand auszusprechen. Meine Frau hat einen homöopathischen Arbeitskreis und die behandelnden Homöopathen berichten immer wieder irritiert, wie oft Natrium muriaticum gegeben werden müsse." Ich wiederholte „Natrium muriaticum ist nicht nur ein häufiges Mittel. Natrium muriaticum ist das zentrale Grundmittel eines jeden Menschen!"
Über viele Jahre hatte ich mit dem Begriff des Konstitutionsmittels gerungen. Einmal hatte es umfassend bei nahezu allen Beschwerden gewirkt, ein anderes Mal nur partiell. Einmal hatte es bei akuten Krankheiten gewirkt, ein anderes Mal nicht (3. Kap.) Und dann versagte das Konstitutionsmittel, welches zuvor überzeugend bei konstitutionellen Beschwerden geholfen hatte, um nach Einsatz eines anderen Mittels dann doch wieder zu wirken.
Zwischendurch hatte mich immer wieder die Frage beschäftigt, welches das eigentliche Konstitutionsmittel eines jeden Patienten sei. Das Problem war nunmehr gelöst. Die Entdeckung der zentralen Bedeutung von Natrium muriaticum erhöht die therapeutischen Erfolge signifikant. Bei vielen Therapien hilft nach Einsatz anderer Mittel dann doch immer wieder Natrium muriaticum.
Ich habe keine Einwände, wenn ein für lange Zeit umfassend wirkendes Mittel als zeitweiliges Konstitutionsmittel bezeichnet wird. Es ist jedoch falsch, einem Patienten zu sagen: Du bist und bleibst Phosphorus, du bist und bleibst Causticum usw. Die regelmäßige Erfahrung, dass sich früher oder später bei nahezu allen homöopathischen Behandlungen die Natrium muriaticum-Resonanz einstellt, spricht gegen die Annahme verschiedener, gleichwertiger archetypischer Grundkonstitutionen.
"tränende Augen im Wind"
Hören sie sich einmal in ihrem Bekanntenkreis um und fragen sie: Haben sie bei sich selbst schon einmal „tränende Augen im Wind" beobachtet? - Kennen sie das Symptom „Schlaflosigkeit durch Kummer" - das Symptom „Reizbarkeit vor der Menses" - verzögerter Stuhlgang in den ersten Tagen bei einer Reise (eigene Beobachtung) - Sind sie ein mitfühlender Mensch, den das Leid anderer Menschen berührt? - Die Mehrzahl ihrer Bekannten wird viele dieser Fragen bejahen und damit Natrium muriaticum-Symptome bestätigen. Wenn „anfallsweises Niesen morgens", „Heuschnupfen", eine „Landkartenzunge", „Stuhl krümelig wie Schafskot", „Verlangen nach Salz", „wiederkehrender Herpes", „Risse in den Lippen" hinzukommen, wären das weitere Hinweise für Natrium muriaticum. Dies ist hier nur eine kleine Auswahl aus vielen möglichen Natrium muriaticum-Symptomen. Das Fehlen des einen oder anderen Symptoms schließt diese Arznei nicht aus. Drei bis vier der angegebenen Kennzeichen wären schon sehr deutliche Hinweise für die Natrium muriaticum-Resonanz. Natrium muriaticum überragt andere Arzneien, die sich ebenfalls in den angegebenen Rubriken finden, deutlich.
Wie ist es möglich, dass jedem Menschen im Kern dasselbe Grundmuster zu Grunde liegt, wo die Menschen doch offensichtlich so unterschiedlich sind? Wo bleibt dabei das Individuelle?
Wenn man verschiedene Therapeuten befragt, welche Mittel sie hauptsächlich bei ihren Patienten einsetzen, so ist es erstaunlich, mit wie wenigen Mitteln die meisten Therapeuten arbeiten. Meist sind es Nux vomica, Calcium carbonicum, Sulfur, Phosphor, Sepia, Pulsatilla, Silicea, Kalium carbonicum und einige wenige andere. Auch hier könnte man schon erstaunt sein, dass sich die Behandlung vieler Individuen auf relativ wenige Mittel reduziert. Man könnte stutzig werden und nach dem für die Homöopathie typischen Ansatz der individuellen Arznei fragen.
Alle mir bekannten Therapeuten sprechen allerdings bei ihren Behandlungen Natrium muriaticum eine führende Rolle zu. So weit liegen wir also gar nicht auseinander. Wenn man Patienten betrachtet, denen Natrium muriaticum geholfen hat, findet man auch hier große individuelle Unterschiede bei psychischen und körperlichen Symptomen. Der eine ist mitfühlender als der andere. Der eine ist mehr, der andere weniger introvertiert. Einer kann Trost nicht vertragen, ein anderer hat kein Problem, wenn er getröstet wird. Die körperlichen Natrium muriaticum-Symptome können fehlen oder sind unterschiedlich ausgeprägt. Allein darin zeigt sich eine große Individualität. Zudem ist die Natrium muriaticum-Resonanz meist von Staphisagria, Ignatia und anderen Schichten wie von Zwiebelschalen überlagert, so dass auch hier eine große Vielfalt von unterschiedlichen Symptomen in Erscheinung tritt. Die Natrium muriaticum-Resonanz kommt erst nach Abtragung dieser Schichten durch Hochpotenzen zum Vorschein. Es gibt kaum einen Menschen, der sich permanent während seines ganzen Lebens, unveränderlich in der Natrium muriaticum-Resonanz befindet. Das wäre eine seltene Rarität.
Je mehr ein Mensch in seinem Leben unterdrückt worden ist, desto „dicker" ist die Zwiebelschale von Staphisagria, je mehr Ausweglosigkeiten er hat mitmachen müssen, desto „dicker" die „Ignatia-Zwiebelschale". Die Schwere einer durchgemachten Staphisagria- und Ignatia-Schädigung bestimmt die Wahrscheinlichkeit, Anspannungen und Ausweglosigkeiten zu wiederholen (11. Kap.). Die individuelle Disposition insbesondere Staphisagria- und Ignatia-Zustände zu entwickeln, könnte man als die wesentlichen Miasmen bezeichnen. (19. Kap.) Hierin und in der Überlagerung durch weitere Resonanzen (z.B. Causticum, Aurum, Nux vomica, Colocynthis, Anarcardium u.a.) präsentiert sich eine schier unerschöpfliche Individualität.
Der einzelne Mensch manifestiert demnach im Kern eine Natrium muriaticum-Resonanz plus einer meist mehr oder weniger großen Anzahl, individuell unterschiedlichen anderer Resonanzebenen.
Ein Therapeut, der sich nicht dazu entschließen kann, aktuelle Resonanzen immer und immer wieder durch Hochpotenzen abzutragen, hat wenig Chancen, zu dieser Erkenntnis vorzudringen.
Wie bereits ausgeführt, sind es vornehmlich Unterdrückungen, das Nicht-Selbst-Sein-Dürfen, welches den ersten Schritt aus der ursprünglichen Natrium muriaticum-Resonanz auslöst - hin zu Staphisagria und Ignatia. Je mehr Zwiebelschalen ein Mensch aufweist und je schneller er die Resonanzebenen wechselt, desto schlechter ist seine Konstitution und desto schwieriger verläuft eine Therapie, desto schlechter die Heilungsprognose. Wenn das Leben von anhaltenden Unterdrückungen geprägt bleibt, hilft einem Patienten immer wieder ausschließlich Staphisagria. Die Natrium muriaticum-Resonanz bleibt dann verborgen. So kann es zu der fälschlichen Annahme kommen, dass Staphisagria ein primäres Konstitutionsmittel sei – es wirkt ja immer.
Ist sich ein Therapeut, der einem Patienten sagt „Du warst Staphisagria, du bist Staphisagria, du bleibst Staphisagria" im Klaren darüber, was für eine schwerwiegende Aussage er damit macht? Schauen wir uns dazu die Rubrik „Verlangen zu Töten" im synthetischen Repertorium (Karl F. Haug Verlag) an. Hier findet sich unter vielen anderen Arzneien auch Staphisagria. Wenn man einen Menschen auf ein Mittel dieser Rubrik festlegt - so sagt man damit aus, dass bei diesem Menschen das archetypische Muster des „Verlangens zu Töten" unveränderlich angelegt ist. – Man redet damit einer „angeborenen" Destruktivität das Wort und erklärt - so ganz im Vorübergehen - menschliche Destruktivität und Aggressivität zu einem Grundmuster.
Natrium muriaticum findet sich in der Rubrik „Verlangen zu töten" nicht. Der Natrium muriaticum-Mensch ist ausgesprochen friedlich. Die Erkenntnis, dass Natrium muriaticum die Grundresonanz eines jeden Menschen ist, bedeutet, dass es eine ursprüngliche Destruktivität nicht gibt. Diese entsteht erst durch den Sprung in die Staphisagria-Resonanz. (16. Kap.) Wenn in einigen Repertorien Natrium muriaticum in den Rubriken „Hass", „Rache und Hass", „Zorn", „Jähzorn", „boshaft" und „hinterlistig" mit zum Teil höchsten Wertigkeiten angegeben wird, so liegt die Vermutung nahe, dass die beschriebenen Eigenschaften falsch zugeordnet worden sind. Der Patient muss sich beim in Erscheinung Treten dieser Eigenschaften in einer anderen Resonanz befunden haben. In der Natrium muriaticum-Resonanz gibt es nämlich keinen Zorn, keine Boshaftigkeit, kein Hass und keine Hinterlist. - Wie kann man das nachweisen? Wenn einem Patienten zunächst Natrium muriaticum eindeutig geholfen hat, z.B. beim Heuschnupfen oder anderen konstitutionellen Symptomen, würde diesem Patienten in einer Hass- oder Zornesphase Natrium muriaticum bei seinem Heuschnupfen nicht mehr helfen, sondern meist eine der Arzneien, die oben als häufige Zwiebelschalen angegeben worden sind.
Wenn die unterschiedlichen Konstitutionsmittel fixiert wären, würde das beinhalten: Aus der angespannten Gespaltenheit des Staphisagira- oder Anarcardium-Zustandes gäbe es kein Entrinnen, ebenso wenig aus der „Verzweiflung" von Ignatia. Demnach wäre ein Phosphorus-Typ für immer auf Ängste, ein Aurum-Typ für immer auf eine Neigung zum Selbstmord festgelegt.
Der bekannte Homöopath Alfons Geukens schreibt in „Homöopathie aktuell" (Ausgabe Nr. 1/ 2010), „dass es in einer chronischen Krankheit nur ein Mittel gibt..........das heilt". An anderer Stelle: „Wir können es auch das ‚genetische' Mittel nennen." Dies entspricht nicht meinen Erfahrungen. Wie dargelegt, kommt es bei chronischen Krankheiten sehr oft zu Resonanzänderungen, die verschiedene, homöopathische Heilungsmittel erforderlich machen. Das quasi ein „genetisches" Mittel fixiert sei, wird auch von anderer Seite inzwischen deutlich widersprochen. Der Biologe und Biochemiker Jörg Blech weist im Spiegel (Nr. 32/09.08.10) nach, dass Umwelteinflüsse Erbanlagen verändern. Zitat: „Die Gene steuern uns – aber auch wir steuern die Gene durch unseren Lebensstil.......... Äußere Einflüsse können Gene chemisch verändern und sie auf diese Weise an- und ausschalten. Körperliche Aktivität, aber auch zwischenmenschliche Beziehungen und soziale Faktoren prägen das Erbgut......... Die Gene sind kein Schicksal, sondern wunderbar wandelbar. Ständiger Stress, aber auch Drogen und Umweltgifte hinterlassen Spuren im Erbgut...... Menschen, die besonders viele Schicksalsschläge einstecken müssen, haben ein erhöhtes Risiko an Depressionen zu erkranken – eine angeborene Verwundbarkeit dafür gibt es nicht. Traumatische Erlebnisse können das Erbgut chemisch verändern."
Sind Blechs Erkenntnisse nicht vollständig übertragbar auf die homöopathischen Erkenntnisse, die bei der Veränderung der Resonanzlagen beschrieben worden sind? Kann es z.B. sein, dass durch ständige emotionale Unterdrückungen eine genetische Veränderung in Richtung auf Staphisagria stattfindet?
Man hat dann tatsächlich den Eindruck, dass ein Staphisagria-Mensch „genetisch" einer anderen Steuerung unterliegt.
Die Ansicht, dass Gene starre Gebilde seien, die auf soziale Reize nicht reagieren können, muss demnach genauso als überholt angesehen werden, wie die Ansicht von einer Unveränderbarkeit eines Konstitutionsmittels eines Menschen.
Wenn man pathologischen Resonanzen mit Hochpotenzen abträgt, wird man sehen, dass sich diese Resonanzen auflösen lassen. Ungünstige äußere Bedingungen führen allerdings zum Wiederauftreten dieser Resonanzen. Es ist das therapeutische Ziel, den Patienten möglichst von den Natrium muriaticum-fremden Resonanzen zu befreien, denn im Hintergrund herrscht – wie schon mehrfach beschrieben - immer Natrium muriaticum. Hier hat der Mensch sein bestes Gesundheitsniveau, was nicht bedeutet, dass man innerhalb dieser Resonanz nicht erkranken kann. Leider gibt es – wie gesagt - nur wenige Menschen, die sich ständig in der Natrium muriaticum Resonanz befinden. Offensichtlich finden genetische Veränderungen stets bei einem Wechsel der Resonanzlagen statt egal, ob sie von Natrium muriaticum weg oder zu Natrium muriaticum hin führen.
Die beschriebenen biochemischen Erkenntnisse unterstützen überdeutlich die Erfahrung der Homöopathie, dass negative Einflüsse wie z.B. Stress die Konstitution eines Menschen hin zu Staphisagria, Ignatia und gegebenenfalls weiteren pathologischeren Resonanzebenen verschiebt.
Im folgenden Beispiel werden die einzelnen Repertorisationsschritte nicht detailliert beschrieben. Es kommt lediglich darauf an, einen typischen Wechsel von Resonanzen darzulegen und dabei die zentrale Bedeutung von Natrium muriaticum exemplarisch darzulegen.
Ein Patient klagt über seit langem bestehende Hautausschläge um den Anus.
Repertorium:
Hautausschläge um den Anus: – Agar., Am-c., Am-m., Ant-c., Ars., Berb., Calc., Carb-an, Carb-v., Carb-s., Caust., Graph., Heg., Ign., Kali-c., Lyc., ;ed., Merc., Nat-m., Nat-c., Nit-ac., Petr., Sep., Staph., Sulf., Thuj.
-juckend: Ars., Cinnb., Lyc., Petr., Staph., Sulf., - Ignatia muss aus meiner Sicht hochwertig nachgetragen werden.
Beispielhafter Therapieverlauf:
1. Patient ist genervt – Staphisagria bessert den Juckreiz und die Hautausschläge – dann keine weitere Besserung – Erhöhung der Potenz – keine Besserung.
2. Der Juckreiz macht den Patienten „wahnsinnig" – Ignatia hilft – dann keine weitere Besserung – erhöhte Potenz hilft – dann keine weitere Besserung.
3. Patient ist wieder genervt – Staphisagria hilft – dann keine weitere Besserung – erhöhte Potenz hilft nicht.
4. Patient weiß nicht, ob er die Therapie fortsetzen soll (Ausweglosigkeit) – Ignatia hilft.
5. Patient steht kurz davor, die Therapie abzubrechen – Causticum hilft eine gewisse Zeit – dann hilft Causticum nicht mehr.
6. Patient ist relativ gleichmütig - Natrium muriaticum hilft nur kurz.
7. Patient ist wieder genervt – Staphisagria hilft – nach einiger Zeit dann nicht mehr.
8. Verschlechterung des Hautausschlages mit Zunahme des Juckreizes. – Sulfur hilft für kurze Zeit hinsichtlich des Juckreizes. Es ist aber die falsche Arznei gewesen und muss schnell wieder verlassen werden, da sich unter Sulfur der Schlaf eindeutig verschlechtert hat.
9. Ein neu auftretendes körperliches Symptom, ein Herpes labialis, weist auf Natrium muriaticum hin – Natrium muriaticum hilft beim Herpes und beim Analekzem deutlich und überzeugend.
Bei dem beschriebenen Therapieverlauf wird deutlich, mit welcher Konsequenz die Psyche des Patienten im Sinne der Organon Paragraphen 211 und 213 bei der Arzneimittelwahl berücksichtigt werden muss.
Während einer Therapie muss es insgesamt zu einer progredienten Besserung kommen. Je häufiger die Resonanz von Natrium muriaticum in Erscheinung tritt, desto besser ist der Heilungsverlauf. Der beschriebene Wechsel der Resonanzen am Beispiel des Analekzems ist exemplarisch und muss bei der Behandlung vieler chronischer Krankheiten berücksichtigt werden, so z.B. bei einer Neurodermitis, einer Allergie, einer Psoriasis, eines Tinnitus, einer Migräne.
Wer die zentrale Bedeutung von Natrium muriaticum nicht kennt, läuft Gefahr, auf eine spätere Wiederholung der Arznei zu verzichten, wenn sie nach anfänglichem Erfolg nicht mehr wirkt.
Warum finden sich Staphisagria- und Ignatia-Resonanzen so häufig?
Dafür gibt es drei Gründe:
1. Diese Resonanzen drücken die Stress-Atmosphäre des Zeitgeistes aus, sowie die psychische Befindlichkeit, in der insbesondere bei chronischen Krankheiten meist gelitten wird.
2. Staphisagria- und Ignatia-Resonanzen werden quasi „infektiös" von Mensch zu Mensch übertragen. Diese nahezu gesetzmäßig erfolgende Resonanzübertragung findet man in dieser spezifischen Ausprägung nur bei Staphisagria und Ignatia und nicht bei anderen Polychresten wie z.B. Cacium carbonicum, Lycopodium, Sepia, Silicea, Phosphorus, Nux vomica usw.
3. Man kann sicher sein, dass eine Patientin, die während ihrer Schwangerschaft Staphisagria und Ignatia benötigt, diese Resonanzen auf ihr Kind überträgt, so dass oft schon der Säugling diese Arzneien benötigt. Das bedeutet: Staphisagria- und Ignatia-Resonanzen werden auf die nächste Generation übertragen.
Diese Resonanzen stellen jedoch bei einer homöopathischen Therapie lediglich temporäre Zwischenstationen auf dem Weg zur Natrium muriaticum-Resonanz dar.
Einige Homöopathen reagierten auf die Veröffentlichung der beschriebenen Erkenntnisse mit unverhohlener Empörung, zum Teil mit Wut.
„Zuerst wollen sie uns glauben machen, dass die meisten chronischen Krankheiten mit Phasen von unterdrückter Wut - Staphisagria und Verzweiflung - Ignatia einhergehen. Und jetzt sagen sie, dass die Grundarznei eines jeden Menschen Natrium muriaticum sei. Kann es sein, dass sie nur diese 3 Mittel kennen?"
„Ich kann ihre polemische Frage verstehen. Meine Thesen erscheinen auf den ersten Blick revolutionär. Ich weise hier lediglich auf die Dominanz von Staphisagria, Ignatia und Natrium muriaticum bei den Heilungsprozessen chronischer Krankheiten hin. Ich frage sie: Was geben sie einem Patienten, der massiv am Kopf schwitzt, auch während des Schlafes, geschwollene Halslymphknoten hat und massives Verlangen nach Eiern?"
„Dies sind Calcium carbonicum-Symptome. Ich gebe dem Patienten Calcium carbonicum."
„Ich auch.
Welche Arznei bekommt von ihnen ein Kind, welches Zahnungsbeschwerden hat, die Finger in den Mund steckt, schlecht gelaunt ist und dem es beim Getragen werden besser geht?"
„Dies sind Chamomilla-Symptome. Das Kind bekommt Chamomilla."
„Von mir auch.
Welche Arznei geben sie, wenn sich Krusten in der Nase befinden, die beim ablösen schmerzhafte, rohe Stellen hinterlassen und die sich schnell wieder bilden?"
„Kalium bichronicum."
„Sehen sie, ich auch.
Was geben sie einer Patientin, die sich so charakterisiert: Ich weine schnell, habe Abneigung gegen Sex, habe eine Putzwut vor der Periode, bin oft hart und sarkastisch, alle meine Ausscheidungen sind übelriechend, friere ständig und habe das Gefühl eines Fremdkörpers im Rektum."
„Sie beschreiben Sepia-Symptome."
„Richtig, die Patientin bekommt von mir Sepia. Was unterscheidet „ihre" Homöopathie von „meiner"? Im Grunde nichts. Ich verordne die Arzneien, genau wie sie nach den Kriterien der Causalität. (4. Kap.) und der Gesamtheit der vorliegenden Symptome. Ich verordne also nicht unentwegt kritiklos Staphisagria, Ignatia oder Natrium muriaticum, sondern selbstverständlich nur dann, wenn entsprechende Symptome vorliegen. Sie müssen nichts glauben, sondern können sich durch eigene Erfahrung davon überzeugen, dass meist „genervt" – Staphisagria – und „verzweifelt" – Ignatia- gelitten wird und dass nach Abtragen dieser Resonanzen zunehmend Natrium muriaticum Symptome in Erscheinung treten. Was ich allerdings nicht tue: Ich sage der Patientin nicht, dass ihr unveränderliches Konstitutionsmittel Sepia ist."
„Wenn sie recht haben, würde das bedeuten, dass Homöopathen, die mit anderen Mitteln arbeiten, durchweg keine Erfolge haben."
„So einfach ist das nicht. Wie sie wissen, decken insbesondere Polychreste (Kap.19)) eine Fülle von Symptomen ab. Sie können mit diesen Arzneien, und auch mit kleinen Arzneien durchaus Erfolge haben – aus meiner Sicht allerdings nur Teilerfolge."
„Was sie sagen ist mir zu simpel, das kann nicht wahr sein."
„Es kann offensichtlich nicht wahr sein, weil es nicht wahr sein darf."
„Und warum darf es nicht wahr sein?"
„Weil einige Homöopathen die beschriebenen Erkenntnisse als persönliche Kränkung erleben und diese - auch wenn es die Wahrheit kostet - mit Händen und Füssen abwehren. Ein Eingeständnis der Richtigkeit der beschriebenen Aussagen würde gleichzeitig das Eingeständnis bedeuten, dass man möglicherweise jahrzehntelang nicht die optimalen Mittel verordnet hat. Es ist auch keine Kleinigkeit, seine eigene, jahrelange, liebevolle und mühsame Arbeit in Frage zu stellen. Da führt man stundenlange Gespräche mit den Patienten, um die richtige Arznei zu finden, repertorisiert sorgsam, besucht Fortbildungskurse, kauft sich möglicherweise ein Arzneifindungscomputerprogramm und nun kommt einer und sagt: Die meisten Therapien werden von drei oder vier Mitteln beherrscht.
Wie viel Mut gehört dazu, gegebenenfalls einem Patienten, der einem vertraut hat zu sagen: Die Arznei, die ich ihnen als ihr Konstitutionsmittel vorgestellt habe, ist nicht ihr Konstitutionsmittel. Ich muss mich hier korrigieren.
Wie weh das tut, wenn man seine eigene redliche Arbeit in Frage stellen muss, habe ich am eigenen Leib erfahren müssen. Ich sehe die Asthma-Patientin, die ich zu meiner Zeit als „reiner" Schulmediziner behandelt habe, noch vor mir. Eingerissene, trockene Lippen, Risse in den Fingerkuppen, Hautausschläge am Haaransatz, ständig tränende Augen, rezidivierender Herpes labialis. Wegen ihres schweren Asthmas habe ich die Patientin seinerzeit häufig in Spezialkliniken einweisen müssen. Dort ist sie gestorben und mir tut heute noch das Herz weh, wenn ich daran denke, dass ihr bei den oben beschriebenen Natrium muriaticum-Symptomen wahrscheinlich Natrium muriaticum geholfen hätte.
Ich denke an ein pubertierendes Mädchen, mit einer schweren Akne, die das Kind in Depressionen trieb. Auch hier hätte die Homöopathie sicher helfen können.
Ich könnte diese Beispiele fortsetzen.
Auch meine Anfängerzeit in der Homöopathie ist voller schmerzlicher Erinnerungen. Was sollte ich denn tun, wenn einer Migränepatientin Natrium muriaticum über lange Zeit überzeugend geholfen hat, die Migräne wieder auftrat und mir ein möglicher Wechsel der Resonanzebenen von keinem homöopathischen Lehrer vermittelt worden war?
Aber was nutzt es sich zu grämen, man kann immer nur versuchen, sein Bestes zu tun. Mehr ist nicht möglich.
Es gibt noch einen anderen Grund für die ungeprüfte Ablehnung meiner Thesen durch einige Therapeuten: Die Dominanz weniger Mittel, macht den Patient autonom. Er kann früher oder später die Therapie nahezu selbst in die Hand nehmen. Ich begrüße das. Ich weiß aber, dass es Homöopathen gibt, die das überhaupt nicht mögen, vor allem Homöopathen, die dem Patienten ihr Konstitutionsmittel verschweigen. Es findet eine Entmystifizierung der Homöopathie statt. Der homöopathische Guru, der aus hunderten von Mitteln, das richtige Mittel herausfindet, hat seine geheimnisvolle Aura verloren.
Es gibt aber immer noch genug für den Homöopathen zu tun: Zum einen ist es zum Teil schwer, die Mittel voneinander zu differenzieren, weil die psychischen und körperlichen Symptome nicht so deutlich ausgeprägt sein müssen. Und zweitens werden auch andere Mittel, z.B. Komplementärmittel und Akutmittel, benötigt. Hier braucht der Patient einen qualifizierten Homöopathen.
Ich wünschte mir, dass zumindest die Patienten, deren Therapien nicht gut verlaufen und die die beschriebenen Resonanzen bei sich wiedererkennen, ihre Therapeuten zu einem Therapieversuch veranlassen, wobei diese sich gegebenenfalls von der Vorstellung eines fixierten Konstitutionsmittels für jeden Patienten lösen müssen.
So wie die Freud'sche Psychoanalyse Patienten Unrecht getan hat, indem sie deren vermeintliche sexuelle Wünsche als Ursache für neurotisches Geschehen interpretiert hat, da wo spätere Analytiker-Generationen stattgefundenen sexuellen Missbrauch als Krankheits-Ursachen nachgewiesen hatten, so tut die Homöopathie dem Patienten ebenfalls großes Unrecht, wenn sie ihn auf ein bestimmte Konstitutionstypen festlegt. Es ist nicht zulässig, einem Menschen, einen unverrückbaren Selbstmord-, Verzweiflungs-, Aggressions-, Angst-, usw.-Stempel aufzudrücken. Niemand ist darauf genetisch festgelegt.



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